W123er # profaner Kindheitstraum

Ich muss so 12 oder 13 gewesen sein – das Alter, in dem Du beginnst, Selbstverständliches in Frage zu stellen – so denn auch den Ascona B meiner Eltern, der mit plötzlich neben dem gelben w123er unserer Nachbarn so eigenartig profan erschien. Kurze Zeit später kaufte mein Vater einen Opel Commodore C – keine 10.000 Kilometer auf der Uhr. Gold mit Automatik, 2.5E Maschine, Velours, getönten Scheiben, einer futuristischen Scheibenantenne, Cassettenradio, getönten Scheiben und der unfassbaren Dekadenz von Aluminiumfelgen, die bis dahin in unserer Familie als der pure Überfluss galten – so wie das elektrische Schiebedach. Der Wagen machte was her – das schmeckte nach Oberklasse, große weite Welt der Sechszylinder. Und in mir kamen Weltherrschaftsfantasien auf, in denen ich in wenigen Jahren, wenn es endlich soweit war, vor dem Cafe „Central“ vorfahren würde und beeindruckte Blicke der Mädchen meines Abiturjahrgangs unweigerlich dazu führen würden…. Lassen wir das.
w123er
Keine 5 Tage später erzählte Marc Oliver, der Blödmann – und Sohn der W123er Fahrers – in der Schule herum, man Vater habe sich eine Proleten-Schleuder gekauft. So einen „Möchtegern-Mercedes“ für Neureiche. In mir brach eine Welt zusammen. Der übelst ausgestattet Benz seines Vaters – ein 230er Vergaser mit übelster Ausstattung, die von purem Geiz zeugte – der sollte besser sein, als unser unfassbar cooler Opel?
Die Mädels auf der Strasse gaben Marc Oliver recht, der Stern siegte.
Mit 18 schließlich wollte ich keinen Corsa – lieber einen seeehr gebrauchten Benz. Ich bekam einen 220D W123er. 170.000 drauf, üble Ausstattung. Ich hasste den Wagen mein gesamtes Studium lang. Er hielt und rostete fast gar nicht. Und am Ende meines Studiums konnte ich ihn praktisch Verlustfrei verkaufen – in Berlin, nach der Wende.
Aber ich hätte lieber einen Commodore gehabt.